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Willy Birgel (1891 - 1973)

Sie sind hier: IHF > Produktionsstab > Schauspieler > Willy Birgel (1891 - 1973)
 

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Kategorie: Schauspieler
geschrieben von: Filmhistoriker
Veröffentlicht am: 07. September 2005 00:37 - 1307 Hits

Quelle:
Willy Birgel - Leben und Dokumente


Willy Birgel (1891 - 1973)

Der Schauspieler Willy Birgel ist ein Phänomen in der Landschaft der deutschen Schauspieler. In einem Alter, wo sich andere Stars besorgt zeigen, weiterhin attraktive Rollen zu erhalten, begann Willy Birgel erst seine Karriere.

Doch bis er einer der erfolgreichsten Schauspieler der 30er Jahre wurde, dauerte es noch ein Weilchen. Zunächst studierte er an den Kunstgewerbeschulen in Köln und Düsseldorf, um sich auf die Übernahme des väterlichen Betriebs - eine Goldschmiede - vorzubereiten.
Doch nach einem Theaterbesuch 1907 wurde er vom Schauspielervirus befallen und er besuchte eine Schauspielschule. Er erhielt sein erstes Theaterengagement 1913 beim Stadttheater Bonn. 
Seine Karriere wurde durch Einzug in die Armee während des 1. Weltkriegs unterbrochen.
Nach dem Krieg führte er seine Theaterkarriere fort und wurde ein Star an der Mannheimer Bühne.

Willy Birgel (1891 - 1973)

1. KINDHEIT UND JUGEND

Dass der Sohn den Beruf des Vaters ergreife, ist in der Mehrzahl der Fälle der Wunsch des Vaters. So war es ausgemachte Sache, dass der Kölner Goldschmied Johann Heinrich Birgel einmal seinen Betrieb seinem Sohn Wilhelm Maria, genannt Willy, übergeben würde. Und dieser Sohn lebte fast zwanzig Jahre, bevor er anderen Sinnes wurde als der Vater, bevor er erklärte, Schauspieler werden zu wollen, und diesen Entschluss in die Tat umsetzte.


Der vierjährige Willy mit dem Vater

Willy Birgel wurde am 19. September 1891 in der Kölner Marzellenstraße nahe dem Dom geboren. Sie mündet in den Ursulaplatz, der seinen Namen von der Kirche St. Ursula hat. Hier wuchs Birgel mit seinen fünf Geschwistern, vier Brüdern und einer Schwester, heran, die aus der Ehe des Vaters mit Henriette geb. Dreyers hervorgegangen waren. Johann Heinrich war der erste Birgel, der diesem Namen Ansehen erwarb. Von seinen kunsthandwerklichen Arbeiten liegt ein gedrucktes Werkverzeichnis aus dem Jahre 1908 vor, das, mit einer Empfehlung des Kölner Erzbischofs Antonius Kardinal Fischer versehen, folgenden Titel trägt: "Heinrich Birgel/ / Goldschmied, Graveur, Ziseleur und Emailleur / Atelier für kirchliche und profane Goldschmiedekunst / Gegründet 1889 / Cöln a. Rh. / Spezialität: Künstlerische Gravuren (Meißelkunst) - Eigene Erfindung / Prämiiert: Goldene Medaille Cöln 1889 Goldene und silberne Medaille Antwerpen 1894 / Bronce- Medaille Düsseldorf 1902 --Silberne Medaille Cöln, Handwerkausstellung 1905". Im einzelnen werden hierin 150 Werkstücke sakraler Art angeführt: Tabernakeltüren, Kreuzwegstationen, Monstranzen, Kelche, Kreuze, Altaraufsätze, Gedenktafeln, "Adressen", Taufsteinfigürliche Bildwerke, Grabplatten u. a. Sie gingen an Auftraggeber im ganzen Rheinland, im Ruhrgebiet, in Westfalen, in Holland, im Saargebiet, in Metz und in   Berlin. Heinrich Birgels Familie musste sich auf die Besonderheit einstellen, dass er infolge einer im Alter von zwei Jahren erlittenen Mittelohrentzündung taubstumm war. Zwar konnte er sprechen, doch nur in der
unartikulierten Weise von Menschen, die Zeit ihres Lebens nicht haben hören können. Sein Sohn Willy, das älteste der sechs Kinder, erinnerte sich später der fröhlichen Atmosphäre des Elternhauses, der friedlichen Stimmung des Ursulaplatzes und der schönen farbigen Fenster von St. Ursula, Die Volksschule besuchte er in der Stolkpasse dann - es muss kurz nach der Jahrhundertwende gewesen sein - wechselte er über zur Oberrealschule am Hansaring. Die Schwerpunkte seines kindlichen Spiels agen bereits im Bereich von Theater, Verstellung und Verkleidung. Er hatte sich er Puppentheater gebastelt mit "Selbstgefertigten Pappfiguren . . ., die, an Stöcken befestigt, vor den ebenfalls von mir stammenden Kulissen im Schein des bengalischen   Feuers bewegt wurden. Es gab regelrechte Vorstellungen, zu denen Eltern, Geschwister, Nachbarn und Schulfreunde eingeladen wurden; sie hatten ein Eintrittsgeld von zwei, drei Pfennig zu entrichten. Kirche und Karneval regten zu Nachahmung und Verkleidung an den kirchlichen Vorgang am Altar versuchten wir daheim wiederzugeben. Wir besorgten uns hierfür Kerzen und Weihrauch; der eine stellte den Geistlichen dar, andere wiederum waren die Ministranten, Chorknaben und die Betenden. Eine Vorliebe von mir war es, am St. Nikolaustag oder St. Martinsfest im pomphaften Ornat an den Türen der Nachbarn anzuklopfen, kurze Ansprachen zu halten und kleine Gaben zu verteilen. Zur Karnevalszeit lief Birgel als Japaner, Inder, Araber oder Türke herum. Die Kostüme entwarf er selbst nach kunstgeschichtlichen oder völkerkundlichen Studien in der Bibliothek seines Vaters.

Als Schüler war Birgel mittelmäßig. Aktives Interesse brachte er nur der Erdkunde entgegen. Die Fähigkeit zum Vortrag von Gedichten vor der Klasse oder bei Schulfesten in der Aula hatte ihre Grenzen in den Hemmungen und in der Geniertheit, womit er sich solcher Aufgaben entledigte. Noch drängte ihn nichts an die Rampe. Die Emotionsscheu allerdings ist ihm geblieben; als Schauspieler hat er sie später nur ins Positive umgewandelt. Als er mit Mühe das Ziel der Untersekunda erreicht hatte, meinte er, es sei genug mit dem Lernen, ging von der Schule ab und trat als Lehrling in die väterliche Werkstatt ein.

Vom Theater hatte der junge Birgel bis dahin überwiegend aus zweiter Hand erfahren. Wenn Verwandte oder Bekannte zu Besuch kamen, ging Mutter Birgel mit den Gästen in die Oper oder ins Schauspiel und sprach mit ihnen zu Hause über die Werke und die Inszenierungen. Auf diese Weise erfuhr der Sohn, was es mit "Maria Stuart", "Freischütz" und "Martha" auf sich habe. Einen ersten Versuch, von der vorbestimmten Bahn abzuweichen, provozierte eine Vorstellung von Maurice Maeterlincks "Monna Vanna", die Birgel als Sechzehnjähriger sah. "Wie im Rausch kam ich nach Hause und erklärte dem Vater, ich wolle Schauspieler werden, Das ist ganz unmöglich!' erwiderte er, ,was soll denn aus dem Atelier werden? Es gab keine weiteren Diskussionen, ich war selbst über meine freimütige Äußerung erschrocken, und so nahm ich seine Ablehnung widerspruchslos hin.

Was die handwerklichen Fähigkeiten anbelangt, die für die Tätigkeit im väterlichen Betrieb erforderlich waren, so verfügte Birgel darüber in ausreichendem Maße. Er wurde nicht bevorzugt behandelt, arbeitete und pausierte nach dem Zeitplan für alle. Erster Missmut resultierte aus der geschäftlich-kaufmännischen Seite des Unternehmens, die ihm phantasielos vorkam. Ein Ring für die Schwester und eine Gürtelschnalle für die Mutter waren die Vorzeigestücke aus seiner Lehrzeit. Immer noch im Einverständnis mit den Plänen seines Vaters vervollkommnete Birgel seine Ausbildung mit einem Studium, das er zunächst an der Städtischen Kunstgewerbe und Handwerkerschule in Köln und im Anschluss daran an der Düsseldorfer Kunstakademie absolvierte. Hier beschäftigte er sich unter der Anleitung der Professoren Behrend, Ehmke und Neuhaus mit Bildhauerei, Architektur, Ornamentik, Tier- und Aktzeichnen; eine Zeitlang hat er die Möglichkeit, Maler zu werden, nicht ausgeschlossen. Am Ende beschränkte er sich jedoch darauf, sein Zeichentalent zur Anfertigung meist humoristischer Gelegenheitsarbeiten auszuwerten.

Mit fortschreitendem Studium wuchs das allgemeine Kunstverständnis. Zum Missvergnügen des Vaters engagierte sich Birgel für den Expressionismus, der sich um 1910 als neue Richtung ankündigte. Doch trat dies alles in den Hintergrund, als der junge Kunststudent angefangen hatte, regelmäßig ins Theater zu gehen. Wieder ereignete es sich, dass er von den Vorgängen auf der Bühne in hohem Grade gepackt wurde und nach den Vorstellungen sich auf der Straße vor dem Theater den debattierenden Menschengruppen beigesellte. Dabei kam er "ins Gespräch mit einem Statisten und fragte ihn beiläufig, ob es nicht einmal möglich wäre, auf der Bühne mitzutun. Ja, gewiss, als Komparse wird das sicherlich zu machen sein', erwiderte er. Im gleichen Moment kam der Komparserieführer vorbei; der Statist machte mich mit ihm bekannt, und da nahm ich mir ein Herz und bat ihn, mir doch einmal Gelegenheit zu geben, mitzuwirken. So geschah es denn, und Birgels erster Bühnenauftritt erfolgte in der Oper "Genesius" von Felix Weingartner. "Es war ein unbeschreibliches Ereignis, als ich da kostümiert auf der Bühne stand, und von diesem Augenblick an war ich nicht mehr vom Theater wegzubringen. Heimlich blieb er nun manchen Morgen in Köln, anstatt zur Akademie nach Düsseldorf zu fahren, sah bei den Proben zu und wirkte als Statist in anderen Inszenierungen mit. Um diese Beschäftigung gegen alle Wechselfälle abzusichern, überließ er das Honorar für seine Auftritte dem Komparserieführer.

Der nächste Schritt war der vom Statisten zum Laiendarsteller in einem Kölner Mundartstück, und nun bekommen wir, was die Chronologie anbelangt, allmählich festen Boden unter die Füße. Denn am 1. Juni 1912 - Birgel war also schon fast 21 Jahre alt - wurde in Köln das Volksschauspiel "Heimgefunge" ("Heimgefunden") von Wilhelm Schneider- Clauß uraufgeführt. Der Autor, Gymnasiallehrer und Mundartschriftsteller, der 1888 in Straßburg mit einer Arbeit über Properz als Erneuerer und Erweiterer der Sprache ("De Propertio sermonis novatore et amplificatore") promoviert hatte, war erfolgreich bei den städtischen Kölner Behörden vorstellig geworden, um den seichteren Hervorbringungen der populären Kunst etwas Gediegeneres gegenüberzustellen. So überließ man dem Unternehmen "Schneider- Clauß' Kölnische Volkssctiauspiele" das Schauspielhaus der Stadt vom 1 - bis zum 14. Juni 1912 zur Aufführung zweier Schneider- Clauß- Stücke (neben "Heimgefunge" noch das Lustspiel "De Eierkönegin").

Da die beiden Werke mit Berufsschauspielern bestritten werden sollten, die man über Zeitungsanzeigen zur Mitwirkung aufforderte, war es für Birgel nicht einfach, eine Rolle zu bekommen; eine größere hatte man ihm von vornherein abgeschlagen. Doch am Ende gelang es; der Bewerber war zuversichtlich und hartnäckig zugleich aufgetreten, und zum Lohn erhielt er die kleine, aus drei Sätzen bestehende Partie eines Gerichtssekretärs, die er nun eine Woche lang jeden Abend in der heimischen Mundart zu verkörpern hatte. Das Stück ist übrigens bis heute ein lokaler" Klassiker" für Amateurbühnen geblieben.

Hatte sich Birgels Tätigkeit als Statist noch vor den Eltern verheimlichen lassen, so sorgte nun aber die Publizität von "Heimgefunge" dafür, dass der Umgang des jungen Mannes mit den Musen ruchbar wurde. Wie die Sippe davon erfuhr - ein Onkel soll ihn am Bühnenausgang mit "Bist du wahnsinnig geworden?" empfangen haben -, darüber existieren mehrere Erinnerungsversionen. Sie münden jedoch alle in den Schluss, dass Vater Birgel nach "Aufregung, Tränen und Debatten, seine persönlichen Pläne begrabend, dem Sohn die Erlaubnis erteilte, Schauspieler zu werden. Und nachdem Johann Heinrich Birgel einmal über seinen Schatten gesprungen war, ließ er es an nichts fehlen und meldete seinen Sohn bei der dem Kölner Schauspielhaus angegliederten Schauspielschule an. "Ich werde es ihm nie vergessen, dass er seinen eigenen Wunsch dem meinen unterordnete!" schrieb Willy Birgel auf dem Höhepunkt seiner Popularität als Filmschauspieler.

Die Aufnahme an der Schule, über eine Prüfung zu erreichen, ging ohne Schwierigkeiten vonstatten. Birgel stand vor einer Kommission, der Oberspielleiter Johannes Tralow angehörte. "Wir hatten sechzehn Fähnlein aufgebracht .. .," deklamierte der Prüfling aus Schillers "Jungfrau von Orleans", vor allem bemüht, sich mit der Aussprache des dem englischen ähnelnden rheinischen Auslaut- "L" nicht als Einheimischer zu offenbaren. Das muss ihm gelungen sein; denn Tralow, der Birgels Vortrag bald unterbrach und ihm erklärte, er sei angenommen, fragte ihn noch, ob er aus Österreich stamme. Birgels Ausbildung zum Schauspieler übernahm nun dazu den Lehrkräften der Schule zählende Kölner Regisseur und Schauspieler Gustav Turrian.

2. BIRGEL AUF DER BÜHNE 1912 bis 1936


Können wir das bisherige Leben Birgels mangels genauer Dokumentation zeitlich nur ungefähr bestimmen, so sind wir für die Zeit von 1912, als er anfing, regelmäßig aufzutreten, bis 1936, als er sich vom Theater löste und zum Film ging, über die einzelnen Etappen aufs Datum genau informiert. Denn es existiert "Mein Tagebuch" von Willy Birgel, ein Vorgedruckter Band, der damals von Theatermenschen mit dokumentarischen Neigungen zum täglichen Eintrag der jeweils verkörperten Rollen angeschafft werden konnte und dazu Raum für andere Angaben bot (Engagements, Gagen, Rollen, Kollegen u. a.).

Hiernach lief Birgels Kölner Zeit als Schauspielschüler parallel mit der Spielzeit 1912/13 (l. September bis 31. Mai). Die Eleyen wurden sogleich in den Spielbetrieb einbezogen und mit der Verkörperung kleiner Rollen betraut. Auf diese Weise gewann Birgel zunächst einmal Bühnensicherheit und Werkkenntnisse. Er wurde regelmäßig beschäftigt, in neun Monaten an rund hundert Abenden, hauptsächlich natürlich in personenreichen Stücken mit den vielen fast stummen und Nebenrollen, in denen Anfänger nichts oder nicht viel verderben können. Goethes "Clavigo" aber ist ja nun kein personenreiches Stück; deshalb darf die Tatsache, dass Birgel die Rolle des Saint George erhielt, trotz der beiden Repliken, die der Begleiter des Beaumarchais am ganzen Abend einzig beizutragen hat, als besonderer Vertrauensbeweis gelten.

Und jenen Abend, an dem der berühmte Charakterspieler Ernst Possart als Gast den Carlos darstellte," hat später aus gegebenem Anlass ein Augen- und Ohrenzeuge geschildert: Heinz Dietrich Kenter, der der Vorstellung als Sechzehnjähriger beiwohnte und im folgenden Jahrzehnt mit Birgel in Aachen und Mannheim als Regisseur zusammenarbeitete. "Ich habe den Eindruck, den Possart auf mich machte, vergessen. Nicht vergessen habe ich - merkwürdigerweise! - den Eindruck, den, in der gleichen Vorstellung, ein junger Schauspieler auf mich gemacht hatte ... Und vielleicht habe ich ihn deshalb nicht vergessen, weil Possart, seiner schauspielerischen Natur gemäß, ungemein beredt gestikuliert haben dürfte. In der Spielform des damaligen Theaters. Dieser junge Schauspieler aber stand und steht noch heute so vor mir: regungslos, dünn wie ein Strich, von dem eine lange Nase gleichsam wegsprang. Es ging Bestimmtheit von ihm aus. Eine Haltung zur Sache. Auch, allerdings, eine spürbare Gehemmtheit . . . Was Kenter bei Birgel "Gehemmtheit" nennt, hat dieser mit den Worten präzisiert: "Bei der Premiere blieb ich rettungslos stecken ... 1113)

Possart war nicht der einzige namhafte Gastdarsteller, mit dem "Willi" oder "Wilhelm" Birgel (so der Theaterzettel) in seinem Elevenjahr zusammen auf der Bühne stand. Am 14. Dezember 1912 sahen die Kölner Alexander Moissi als Hamlet und Birgel als Voltimand, am 8. April 1913 in "König Nicolo" von Frank Wedekind den Autor in der Titelrolle, Tilly Wedekind als Prinzessin Alma und Birgel als Ersten Bedienten. Als Talentbeweis blieb die Tatsache, dass die Kölner Schauspielschüler im allgemeinen zwei Jahre Ausbildung zu absolvieren hatten und dass Birgel schon nach seinem ersten ein Engagement antreten konnte. Das Bonner Stadttheater bot ihm einen Vertrag auf drei Jahre.

Die mittelrheinische Bühne wurde damals von Otto Beck, einem Direktor mit dem Titel "Hofrat" geleitet. Er "gehörte zu den entdeckungsfreudigsten Prinzipalen der Zeit; die Namen Emil Jannings und Agnes Straub, Eugen Klöpfer, Theodor Loos bekunden seinen Spürsinn"). Von diesen war Klöpfer zusammen mit Birgel engagiert, der sich an den künstlerischen Leistungen seines namhaften Kollegen begeisterte, auch an ihm bewunderte, "wie herrlich er zu schwimmen' vermochte, wie er die Worte aus dem Souffleurkasten holte, dabei genial gestaltete, so dass das Publikum nicht ahnte, wie wenig er seine Rolle konnte. Es ist anzunehmen, dass der mit monatlich dreißig Mark entlohnte Volontär Birgel textsicherer war, als er endlich seine erste größere Rolle spielen durfte. "Vor einem halbblinden Spiegel stülpte mir der Maskenbildner eine blonde Perücke übers Haupt, anschließend noch ein Hütlein mit Hahnenfeder darauf - und dann erkannte ich mich in meiner ersten Rolle als Junker Bleichenwang' fast selbst nicht mehr. Als ich mich drei Stunden nach Beginn meiner Theaterlawfbahn wieder abschminkte, war ich glücklich wie ein Pennäler nach bestandenem Abitur. In dieser Gestalt aus Shakespeares "Was ihr wollt" ist Birgel auf einer Fotografie festgehalten: Da steht ein steif sich aufrichtender. wegen der langen blonden Haare und der bis zu den Brauen Herhabfallenden ,Simpelsfransen" mädchenhaft wirkender junger Mann, in


Die erste größere Rolle"Bleichenwang in Shakespears "Was ihr wollt"

dessen Augen tiefe Trauer liegt. Dies mag man als eine frühe Erscheinung einer später sich deutlicher manifestierenden Auffassung begreifen. Fast dreißig Jahre nach jener Kölner Clavigo"- Premiere sah Heinz Dietrich Kenter in Berlin Birgel als Kandaules in Hebbeis"Gyges und sein Ring" und stellte fest: "Nicht Rausch lag über ihm ... eher Trauer, wie ja manchmal über Birgels Gestalten, aber auch über Birgel als Person, Trauer, verhaltene, liegen konnte".
Nicht alle Rollen, die Birgel in Bonn verkörperte, waren so attraktiv wie der Bleichenwang. Manchmal sehnte er sich sogar nach Köln zurück in der Meinung, dort habe er unter den kleinen ihm zugeteilten Rollen interessantere Aufgaben gefunden, als er sie nun zu bewältigen hatte. Die erste Spielzeit dauerte vom 1. Oktober 1913 bis zum 15. April 1914. Da Bühnen vom Typus der Bonner damals keine Ganzjahresverträge abschlossen, mussten die Schauspieler sich nach einem Sommerengagement umsehen. So verpflichtete sich Birgel für die Zeit vom 15. Mai bis zum 1. August 1914 an die Operettenspiele Dessau im Kristallpalast, wo ihn der Beginn des Ersten Weltkriegs und, wohl im Zusammenhang damit, seine Verhaftung als angeblicher Spion überraschte, als welcher er eine Nacht einsitzen musste.


Als Soldat im Ersten Weltkrieg

Im Kristallpalast, dessen Eigentümerin die Feldschlößchen- Brauerei war, hatte man nichts mit hoher Kunst im Sinn. Wurden keine Operetten gegeben, gab man Lustspiele oder Schwänke; die Darsteller mussten im einen wie im anderen Genre verendbar sein. So kam es, dass Birgel nicht nur solistisch im Sprech- und Singtheater, sondern auch als Chorist auftrat. Soviel ist bekannt, dass er in dem Schwank "Charleys Tante" und in der Operette "Ein Walzertraum" mitwirkte. Von der Operettenrolle existiert noch ein Rollenfoto, das Birgel als Ulanenoffizier festhält. Das Monokel trägt er schon, als sei er damit auf die Welt gekommen, und der gelangweilt- blasierte Blick spricht Bände. In die Zäsur zwischen dem ersten Jahr in Bonn und dem Sommerengagement in Dessau fällt die Geburt von Birgels Sohn Georg am 8. Mai 1914. Er entstammte der Ehe des jungen Schauspielers mit dessen Kollegin Carola Cajetan. Beide hatten schon 1912 bei der Uraufführung von "Heimgefunge" zusammen auf der Bühne gestanden. 1915/16 spielte Carola Birgel unter ihrem Mädchennamen kleine Rollen am Bonner Stadttheater, übrigens erneut in "Heimgefunge", nachdem der Uraufführungserfolg dieses Volksstück über die Kölner Stadtgrenzen hinausgetragen hatte. Georg Birgel starb vor seinem Vater am 6. Januar 1967; er war zuletzt im Malersaal der Deutschen Oper Berlin tätig gewesen.

Als der Krieg ausgebrochen war, rechnete Birgel damit, sogleich zum Militärdienst eingezogen zu werden. Dies geschah aber erst im November 1914, und zwar kam er zum Infanterie-Regiment 30 nach Diädenhofen, allerdings nur auf vierzehn Tage, so dass Birgel sein zweites Bonner Engagementsjahr (l. des

Oktober 1914 bis 1. April 1915) fortsetzen und abschließen konnte. Er war nun - nach dem Volontärsjahr- regulärer Schauspieler des Fachs Jugendlicher Liebhaber mit 120 Mark Monatsgage, eine merkliche Verbesserung im Vergleich mit Dessau, wo es nur neunzig Mark gegeben hatte. Wenn man das Gedächtnis des Künstlers zum Maßstab nimmt, so kann alles, was er in Bonn nach der Antrittsrolle Bleichenwang spielte, kaum der Erinnerung wert gewesen sein. Dagegen berichtete er später gern und ausführlich von einer Episode, die am Rande der Bonner Kunstszene und auch der Legalität verlief.
Gegen Ende der Spielzeit 1913/14 hatte der schon erwähnte 
Eugen Klöpfer einen Kabarettsketch verfasst, der unter dem Titel Auf der Strecke" im Bonner Metropol- Theater aufgeführt wurde, und Birgel überredet, darin eine Rolle zu übernehmen. "Es war eine tolle Sache, diese Szene ... spielte an einem kleinen Blockwärterhaus in der Prärie; ich selbst verkörperte einen alten Farmer, und Klöpfer war mein Schwiegersohn. Mir fiel auch die Aufgabe zu, von den Kulissen aus das Geräusch eines abfahrenden Zuges nachzuahmen, was mit Hilfe einer Kohlensäureflasche geschah, die langsam geöffnet wurde, so dass die entweichende Kohlensäure dem Zischen des Dampfes der Lokomotive entsprach. " Ein Szenenfoto dieses "sehr ernsten" Stücks hält vier Darsteller (Klöpfer, Birgel, Lutz Götz und eine namentlich nicht genannte Schauspielerin) und ihren offenbar parodierenden dramatischen Stil fest: Der zornbebende Farmer (Birgel) verflucht 'mit geballter Faust seinen mit flehentlich erhobenen Händen vor ihm knienden Sohn (Götz). Der Protest des Bonner Stadttheaterdirektors ließ nicht lange auf sich warten und artikulierte sich im Falle Birgels als Aufforderung, mit dem "Tingeln" aufzuhören, wenn er sein Engagement am Stadttheater nicht in Gefahr bringen wolle. Birgel lenkte ein, doch mit solcher Verzögerung, dass er im "Metropol" aufhörte, als  Klöpfers Sketch ohnehin abgelaufen war.

Zum Sommerengagement kehrte Birgel auf einen Monat nach Köln zurück und trat vom 15. Mai bis zum 15. Juni 1915 am Deutschen Theater in der Bismarckstraße auf. Das ehemalige Residenz-Theater, 1910 nach Umbau und Renovierung umbenannt und wiedereröffnet, zehrte noch von dem vorzüglichen Ruf, den ihm sein Direktor Alfred Bernau (1913/14 Intendant des Nationaltheaters Mannheim) in den Jahren 1910 bis 1913 verschafft hatte. Unter seiner Leitung, meint Ernst Leopold Stahl, sei es "von einer gleichgültigen Alltagsbühne zu einem der meistbeachteten deutschen Privattheater außerhalb Berlins aufgestiegen. Birgel blieb wenig Zeit, zur Ehre des Hauses beizutragen; denn nun griff der Krieg in sein Leben ein.

Als er im November 1914 auf nur zwei Wochen hatte einrücken müssen, war er mit dem Bescheid heimgeschickt worden, er eigne sich besser für die Artillerie als für die Infanterie. So kam er nun zum Feldartillerie- Regiment Nr. 44 nach Trier, das für den Einsatz an der Ostfront bestimmt war. Birgel nahm mit seiner Einheit an den Kampfhandlungen in Serbien teil. Im Laufe der Offensive wurde er bei Jagodina an der Belica verwundet; von einem Granatsplitter am Fuß getroffen, kam er ins Lazarett und zurück in die Heimat zum Ersatztruppenteil nach Koblenz,  Bekanntlich ist Birgel später mit nichts so sehr identifiziert worden wie mit dem Filmtitel

" . . . reitet für Deutschland". Der Krieg gab ihm nun Gelegenheit, dies in realem Sinne zu betreiben. Vielleicht war er schon in jungen Jahren ein Pferdenarr gewesen. Jedenfalls saß er zu Beginn des Jahres 1916 sicher im Sattel, und deshalb wurde ihm in Koblenz das Einreiten von Remonten anvertraut, wie man beim Militär die jungen, noch nicht voll diensttüchtigen Pferde nannte. Eines dieser Tiere am Zügel führend, angetan mit Tunika und sporenbesetzten Reitstiefeln - so hält ihn eine Fotografie aus jenen Tagen fest.

Auf irgend eine Weise gelangte die Tatsache, dass da ein Schauspieler einem lokalen Truppenverband angehörte, zur Kenntnis des Koblenzer Stadttheaters. Es litt schon unter dem kriegsbedingten Mangel an männlichen Darstellern, und nichts konnte ihm willkommener ' sein als die Mitwirkung eines neuen Liebhabers und Bonvivants, die freilich auf der Basis des "Militärverhältnisses" abzuleisten war. "Frühmorgens versah ich meine militärischen Obliegenheiten, vormittags wurde ich für die Proben beurlaubt, und abends, wo ja sowieso kein Dienst war, durfte ich Theater spielen. Die Sache hatte noch eine andere angenehme Seite: ich durfte außerhalb der Kaserne wohnen. Das war in der Bahnhofstraße 29; seine Wirtin war eine Frau Steffen wie ein Journalist ein Vierteljahrhundert später auf den Spuren, die Birgel in Koblenz hinterlassen hatte, feststellte.

Birgel wirkte dort etwa ein halbes Jahr als schauspielernder Soldat, vom 28. Januar bis zum 15. Juli 1916, und verkörperte nach eigener Erinnerung den Baumgarten in "Wilhelm Teil", den Horatio in "Hamlet" sowie in den Hauptmann-Stücken "Die versunkene Glocke" den Waldschrat und in "Einsame Menschen" den Johannes. Frau Steffen war in der Lage, das Repertoire zu ergänzen: - Im Stadttheater gab man damals gerade ein Heimatstück, das aus der Feder des Winninger Schriftstellers Richard Wenz stammt. hieß es. Da hat Birgel auch mitgespielt. .. Schließlich fiel die Wahl auf ihn als Einspringer, als im Sommer der neue Operettentenor nicht pünktlich eingetroffen war. Es fruchtete nichts, dass Birgel beteuerte, er könne weder singen noch Noten lesen. "Man sang mir die Partie so lange ins Ohr, bis ich sie einigermaßen beherrschte, und halb sprechend, halb singend schwamm ich durch die, Dollarprinzessin und den ,Walzertraum'. Der Beifall war beachtlich, und die Sache amüsierte mich ...

Birgels Text wird fortgesetzt mit den Worten: " - aber ich musste wieder an die Front..." Diesmal war es die westliche, und von der Artillerie wechselte er über zur Nachrichtentruppe. Das Theater verlor ihn mehr als drei Jahre. Über die restliche , A Kriegszeit hat Birgel in seinen autobiographischen Texten kaum ein Wort verloren. Es existiert jedoch noch ein Kriegsfotoalbum von ihm aus den Jahren 1917 und 1918; die einzelnen Bilder sind überwiegend mit Zeit- und Ortsangaben versehen, so dass sich daraus ein wenn auch grobes Bild rekonstruieren lässt. Hierin werden Birgels Einheiten abgekürzt mit "Divferna" oder mit "Fe.A." (Divisions- Fernmeldeabteilung) bezeichnet; als Nummern der Einheiten werden 13 und 706 angegeben. Sie waren eingesetzt im südbelgisch- nordfranzösischen Raum auf der Breite Lens, zwischen Ostende und Verdun; neben kleineren Ortschaften sind Städte wie Len Valenciennes und Sedan erwähnt, später, beim Rückmarsch vor Kriegsende, das elsässische Schlettstadt (Selestat). Birgel hatte beim Ausscheiden aus dem Kriegsdienst den Dienstgrad eines Wachtmeisters.

Im Dezember 1918 kehrte er nach Köln zurück, wo seine Frau und sein kleiner Sohn auf ihn warteten. Der Vater war 1917 gestorben. Für den Heimkehrer stand fest, dass er wieder Anschluss an ein Theater suchen wollte, was jedoch mitten in der laufenden Spielzeit nicht gelang. Um sich und seine Familie zu ernähren, nahm er die Hilfe seines Schwiegervaters in Anspruch, eines Beamten bei der Reichsbahndirektion Köln. Dieser verschaffte ihm Arbeit auf dem Güterbahnhof, wo er die Papiere der abzufertigenden Güterzüge zu überprüfen hatte, in der Woche je dreimal tags und nachts, eine "zermürbende" Tätigkeit, wie er selber empfand. So war er doppelt froh, als er im August 1919 am Stadttheater Aachen vorgesprochen hatte und mit der Gewissheit, dort engagiert zu werden, heimgekehrt war.

Der künstlerische Ertrag von Birgels frühen Schauspielerjahren war im besten Falle ermutigend gewesen und hatte keine Perspektiven auf eine besondere Karriere eröffnet. In der rheinischen Grenzstadt allerdings blieb er fünf Jahre (1919 - 1924) und hatte so Gelegenheit, in ein Ensemble hineinzuwachsen und darin einen angemessenen Platz zu finden. Er war mittlerweile 28 Jahre alt und wegen des Kriegs nicht weit über den Status eines Anfängers hinausgekommen. Auch in Aachen wurden ihm, mehr als ihm lieb war, zahlreiche unbedeutende Rollen zugeteilt, doch nach und nach auch solche, die sein ganzes Können herausforderten, im ganzen rund 110, im Durchschnitt also mehr als zwanzig je Spielzeit.

Das erwähnte Jahrfünft brachte auch der Aachener Bühne die durch den Expressionismus herbeigeführten stilistischen Umwälzungen. Schillers "Räuber", darunter Birgel als Spiegelberg, trugen rote Blusen; Goethes "Urfaust" mit Birgel in der Titelrolle ereignete sich auf einer wohl dem Berliner Staatsschauspiel abgeguckten Jessner- Treppe und im Kostüm der Wertherzeit; Beethovens "Fidelio" ging bar aller Dekorationen, Masken und Requisiten in Szene. Den künstlichen Bärten wurde der Kampf angesagt, offenbar nicht konsequent genug; denn als Kent in "König Lear'' trug Birgel, wie ein Rollenfoto ausweist, einen jäher scheußlichen ondulierten Umhängebärte aus dem 19. Jahrhundert.

Der Künstler geriet auch in die politischen Veränderungen der Nachkriegszeit. Der Versuch, in Aachen eine "Rheinische Republik" zu gründen, war mit Unruhen verbunden. Auch wurde ab 20 Uhr Ausgehverbot verhängt, so dass die Theatervorstellungen bereits um 16 Uhr begannen. Im Stadium der fortschreitenden Inflation zählte Birgel zu den Aachener Theaterleuten, die in Cafès holländischer Grenzstädte gegen harte Gulden mit mehr oder weniger anspruchsvollen Darbietungen auftraten. So versuchte er sich am Heiligabend 1922 in Heerlen als Stimmungssänger mit Karnevalssch - lagern in Kölner Mundart, hatte jedoch offenbar den Sinn des dortigen Publikums für die Hervorbringungen des Willi Ostermann ) überschätzt.
"Zu Fuß trabte ich am gleichen Abend nach Aachen zurück, wo Weib und Kind mit der Bescherung warteten. Nie werde ich diesen weihnachtlichen Grenzweg ver
gessen, der fünf bis sechs Stunden dauerte. Ich patschte müde durch halbgefrorene Pfützen, hörte ab und zu Schüsse der Zollbeamten auf schmuggelnde   Grenzgänger und tastete mich in der Stockfinsternis weiter.

Die offizielle Fachbezeichnung "Charakterliebhaber und Bonvivant" genügt nicht, um die Breite und Vielfalt zu umreißen, die Birgel - sicherlich auch aus dem äußeren Zwang des nicht gerade umfangreichen Ensembles - als Darsteller in Aachen entwickelte. Er spielte "quer Beet", wie der 1923 hier nun beruflich, als Regisseur, mit ihm zusammentreffende Heinz Dietrich Kenter feststellte, "ebenso den Arnold Kramer wie den Geßler, ebenso den armen Woyzeck wie den reichen Großindustriellen Christian Maske (für den Birgel zu jung ist), den intriganten Spiegelberg ebenso wie den eleganten Bolingbroke (für den Birgel prädestiniert ist). Dem Intendanten Francesco Sioli schreibt Kenter das Verdienst zu, den Humor in Birgel für die Bühne freigelegt zu haben. ErJernt es, seine komische Begabung, ganz so wie der Schauspieler Nestroy, aufzubauen auf der imaginären Einheit von Wort-Witz und Körper-Witz. . ." Als Beispiele führt Kenter den Wirt in Lessings "Minna von Barnhelm" an, den Kalb in Schillers "Kabale und Liebe", die Titelrollen in Sternheims "Bürger Schippel" und Müller- Schlössers "Schneider Wibbel". Sich selbst nennt Kenter als denjenigen, der den "emotionsscheuen" Birgel zur Auseinandersetzung mit expressionistischen Stilmitteln geführt habe in Werken von Alfred Brust, Reinhard Goering und Ernst Barlach. Es ist beileibe kein Zufall, daß Sioli, Kenter und Birgel bald darauf in Mapnheim zusammenarbeiten werden.

Die Aachener Rollenparade ist zu vervollständigen um einige klassische Gestalten, die sich wiederum aufteilen in junge und alte, komische ",interessante" und dramatische: Derwisch und Patriarch in Lessings "Nathan der Weise", Leon in Grillparzers "Weh dem, der lügt", Polonius und Erster Schauspieler in Shakespeares "Hamiet" und in Schillers "Wallenstein" den Kapuziner und Illo. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft: Als Schüler hatte Birgel am Kölner Schauspielhaus in Goethes "Clavigo" den Saint George, den Begleiter des Beaumarchais, verkörpert; in Aachen verabschiedete er sich mit dem Beaumarchais, in Mannheim spielte er vier Jahre später den Clavigo.

Das Mannheimer Theaterpublikum sah Birgel erstmals am 26. März 1924 als Gast; er spielte in Ludwig Thomas Komödie "Moral" den herzoglichen Kammerherrn Botho von Schmettau. Auf den Tag genau zwei Monate später übersiedelte er nach Mannheim, gleichzeitig mit Francesco Sioli, und verkörperte in der auslaufenden Spielzeit 1923/24 am Mannheimer Nationaltheater den Begriffenfeldt in lbsens "Peer Gynt", den Major Swindon in Shaws "Teufelsschüler" und den Cerimon in dem Shakespeare zugeschriebenen Drama "Perikles von Tyrus". Die Aachener sahen ihn noch einmal auf ihrer Bühne; am 12. Februar 1928 trat er dort in der Rolle des Schneiders Wibbel auf, in der er am Nationaltheater Mannheim seinen rundlichen Kollegen und Kölner Landsmann Ludwig Schmitz abgelöst hatte. In einer Aachener Rezension ist darüber zu lesen: "Birgel geht nicht darauf aus, den Wibbel komisch zu spielen. Er lässt ihn komisch sein. Und dieser feine Unterschied bezeichnet wohl das Geheimnis des Komischen auf der Bühne.

Verglichen mit Birgels Mannheimer Jahren (1924 - 1936) wirken die Aachener noch wie ein Entwurf. Erst am Nationaltheater der Rhein-Neckar-Stadt vollendete sich das Bild des Schauspielers in Größe, Breite und Tiefe. Am Ende stand die Legende: Als Birgel in Mannheim nicht mehr zu ha ' Iten war und.das Theater ihn an den Film verlor - auf Kaum- Wiedersehen für mehr als zehn Jahre -, da begann der Nachruhm zu Lebzeiten, wie er sich in einer Stadt um einen Künstler zu ranken beginnt, der dort mehr als zweihundert Rollen, vor allem aber die obere Grenze der Qualität verkörpert hat.

Niemand hat Birgel in Mannheim mit Offenen Armen empfangen; er selbst stellte sogar ein "gewisses Misstrauen“ fest. Nicht einmal hier erhielt er sogleich die Rollen, die er sich gewünscht haben mochte. Natürlich hatte er an einem Dreisparten Stadttheater in allen dramatischen Kategorien zutun, das Weihnachtsmärchen, den Schwank und sogar die Operette nicht ausgenommen. Zwar hatte Intendant Sioli ihn aus Aachen mitgenommen, um sein Talent nach Kräften zu fördern. Doch Birgel musste sich in einem Ensemble hochdienen, das ihm dies einigermaßen schwer machte. Denn der Bühnenleiter war bekannt als Entdecker von Künstlern, die sich später Weltruhm erwarben. Vor Aachen hatte er schon  Jannings (an ein Sommertheater) und  Gründgens (nach Halberstadt) engagiert; dem Aachener Ensemble gehörte zu Siolis Zeit der spätere Filmregisseur Max Ophüls an. In Mannheim wirkten, von Sioli verpflichtet, zeitweilig gleichzeitig die Opernsängerinnen Gertrud Bindernagel, Margarete Klose, Erna Schlüter und Margarete Teschemacher. Hier nun hatte Birgel mit Bum Krüger, Raoul Alster, Hans Simshäuser, Peter Stanchina und Ernst Langheinz zu konkurrieren, wohl nicht mit den Anfängern Walter Felsenstein und Gustav Rudolf Seilner, die, damals Schauspieler, ihr Genie später als Regisseure verwirklichten. Eine Zierde des weiblichen Mannheimer Schauspielpersonals war die junge Ida Ehre. Doch bevor Birgel der unumstrittene Star dieses Ensembles wurde, musste er sich diesen Ruf vorübergehend noch mit Ernst Langheinz teilen, der vom Darmstädter Schauspiel Gustav Hartungs gekommen war und dann, 35 Jahre lang, bis zum Ende seiner Laufbahn, in Mannheim blieb. Auf die Vorzugsstellung der beiden bezieht sich eine klassische Mannheimer Theateranekdote. Antwort auf die Frage, wie man denn wohl "Zwölftausend" von Bruno Frank besetzen werde--Ist doch klar: sechstausend Birgel und sechstausend Langheinz.

Wieder, wie in Aachen, ging Birgel weit über seine Fachgrenzen hinaus. Vielleicht gab sogar sein Beispiel den Anlass zu dem Bonmot, er trete auf im Fach der guten Rollen". Was dabei jedoch wirklich ins Gewicht fällt, ist die schier unbegrenzte Verwandlungskunst eines Darstellers, der Malvolio und Geßler, Faust (im "Urfaust") und Mephistopheles, Franz Moor und Kalb, Riccaut und Hamlet, Petrucchio und Fiesko, Higgins und Clavigo, Macheath und Philipp (in "Don Carlos"), Leicester und Burleigh verkörperte.

Noch lebte der Expressionismus, als Birgel nach Mannheim kam, und am Mannheimer Nationaltheater lebte er etwas länger als anderwärts. Denn der Intendant und sein Oberspielleiter Kenter waren engagierte Exponenten dieser Richtung und jeder Art von Gesinnungsdramatik so aufgeschlossen, dass auch der Übergang zur Neuen Sachlichkeit keine Schwierigkeiten bereitete. Birgel half mit, die Dramatiker Pirandello, Brust, Blume, Welk, Bronnen" Bruckner, Kaiser, Klabund, Billinger, Heinrich Mann, Claudel u. v. a. am Mannheimer Nationaltheater bekannt zu machen. Und um dies noch klarzustellen: Den Smoking-, Frack-, Monokei- und Uniformträger Birgel hat nicht der deutsche Film entdeckt, der war längst in Mannheim präsent als eine der Möglichkeiten dieses so vielfach wandlungsfähigen Darstellers. Was der Film nicht oder nur am Rande vermittelt hat, das war letztmals in den Mannheimer Jahren des Künstlers zu sehen gewesen: der hässliche, blasierte, verschlagene, dümmliche, spießige, kalte, dekadente, verkalkte Birgel.

Die liebsten Rollen waren ihm Hamlet und Schillers König Philipp. Seine Wunschrolle Egmont ist ihm nie zuteil geworden; immer blieb er am Alba "hängen". Birgels Hamlet war nach dem übereinstimmenden Urteil der Kenner der Höhepunkt seiner Karriere. In Mannheim hat er ihn in zwei verschiedenen Inszenierungen, 1927 als blonder, 1936 als schwarzer Hamlet, verkörpert. Er war "kein feister Hamlet und kein Hamlet des Wahnsinns, sondern ein gertenhaft beschwingter. Gertenhaft, floretthaft beschwingt auch im Geistigen. Ein kraft seines Geistes die Situation stets überlegen, vielleicht hie 'und da zu überlegen beherrschender, in jedem Augenblick fesselnder Hamlet   . Der Kritiker Edwin Kuntz bekannte, er habe "nie auch nur einen einigermaßen vergleichbaren Hamlet gesehen ... Hamlet war die Krönung,   ohne Zweifel

Wie man als Schüler zum Meister wird, wenn man bei einem Meister in die Lehre geht, das zeigte der schnelle Aufstieg des Schauspielers 

Carl Raddatz, eines gebürtigen Mannheimers, zu ähnlicher Film- und Theaterprominenz. Birgel unterrichtete ihn und sorgte dafür, dass er als Anfänger in Inszenierungen des Nationaltheaters Mannheim mitwirken konnte. Einige Jahre spielten beide zusammen, vielfach in denselben Inszenierungen, so auch in "Schlageter" von Hanns Johst, der Geburtstagsgabe vieler deutscher Theater zum 20. April 1933 für Adolf Hitler, der den dritten Monat seines zwölfjährigen Reiches noch nicht vollendet hatte. Dass Birgel die Titelrolle verkörperte, verstand sich fast von selbst. Es war der Tribut an die "neue Zeit". Inzwischen waren Intendant Sioli von Herbert Maisch und dieser von Friedrich Brandenburg abgelöst worden; die Wirtschaftskrise und die politische Wende hatten ihre Opfer gefordert.

In Mannheim hielt Birgel es deshalb so lange aus, weil er die vom Publikum ausgehende Atmosphäre einer Theaterstadt spürte und genoss. Zwei Vorkommnisse hat er als hierfür typisch und für überliefernswert gehalten. Als er, neu in der Stadt, beim Einkaufen auf dem Markt gefragt wurde, ob er Auswärtiger sei, antwortete er, er spiele am Nationaltheater. Da traf ihn ein abschätzender Blick der Marktfrau, die meinte, da müsse er sich aber ranhalten, denn das sei "hier nämlich eine Schillerbühne. Dass Birgel zum 150jährigen Bestehen des Mannheimer Nationaltheaters 1929 in der Neuinszenierung der Schillerschen "Räuber" den im selben Hause bei der Uraufführung 1782 von August Wilhelm Iffland verkörperten Franz Moor spielte, gab ihm das Gefühl eines Stolzes, den ein Außenseiter kaum nachempfinden kann.

Die andere Begebenheit betrifft eine Straßenbahnfahrt Birgels zur Theaterprobe nach einer etwas zu lang geratenen Nacht. Übermüdet war er eingeschlafen, an der Haltestelle, an der er hätte aussteigen sollen, vorbeigefahren, auch an der Endstation nicht aufgewacht und fuhr nun in der Gegenrichtung zurück, weil der freundliche Schaffner es nicht übers Herz gebracht hatte, ihn aufzuwecken. Als er dann ein zweites Mal seinem Fahrtziel sich schlafend näherte, griff ein Mannheimer Bürger ein, rüttelte ihn wach und fragte ihn, ob er nicht vielleicht zur Probe ins Theater müsse, was Birgel leicht verstört bejahte. Das war im Jahre 1932, als er längst zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Stadt gehörte.

Es war keine alltägliche Probe, auf der er dann, zwanzig Minuten zu spät erscheinend, "mit Indianergebrüll" empfangen wurde. Unter anderen warteten nämlich auf ihn   Friedrich Kayßler, der Gast-Faust, und  Paul Wegener, der Gast- Mephistopheles, die der Neuinszenierung von Goethes zweitem "Faust"- Teil besonderen Glanz verleihen sollten. Und auf diesen Proben oder im Verlauf der späteren Vorstellungen fiel bei der Begegnung zwischen  Wegener und Birgel eine Vorentscheidung für Birgels spätere Filmkarriere. Denn Wegener war der Regisseur des ersten Films, in dem Birgel mitwirkte: "Ein Mann will nach Deutschland" (1934). Auch ist  Wegener in der einschlägigen Literatur häufig als derjenige erwähnt worden, der seinen Einfluss bei der Filmproduktionsgesellschaft UFA zugunsten Birgels geltend machte.

Nicht direkt zu widersprechen braucht dies der geläufigeren Version, das Gastspiel des Mannheimer Nationaltheaters mit dem Stück "Die Marneschlacht" von Paul Joseph Cremers und mit Birgel in der zentralen Rolle des Oberstleutnants Hentsch im Berlin habe mit seinem außergewöhnlichen Erfolg die Weichen für Birgel als Filmschauspieler gestellt. Das Werk war am 14. Januar 1933 in Mannheim unter der Regie des Intendanten Herbert Maisch uraufgeführt worden. Es behandelt die Vorgänge im Ersten Weltkrieg, die dazu führten, dass mit der Schlacht an der Marne der Vormarsch der deutschen Truppen aufgehalten wurde. Entscheidend hierfür war ein Rückzugsbefehl, den der mit besonderen Vollmachten ausgestattete Oberstleutnant Hentsch vom Generalstab erteilt hatte. Diese "deutsche Tragödie", die übrigens in der Zeit der extremen politischen Polarisierung aus allen Lagern Zustimmung fand, ist vom Autor dem 1915 in den Vogesen gefallenen Birgel- Bruder Franz, ..dem Freund meiner Jugend und Kameraden", gewidmet. Beim Berliner Gastspiel der Mannheimer trat der seltene Fall ein, dass im Publikum drei Männer saßen, die sich auf der Bühne dargestellt fanden: Generaloberst v. Kluck und die Generäle v. Dommes und v. Tappen. Der Erfolg war dank des vorzüglichen Ensemblespiels außergewöhnlich, und der Kritiker Herbert Ihering resümierte: "Wieder hat eine Bühne im Reich die Initiative, die den Berliner Theaterleitern fehlt. Das Schauspiel ... behandelt ein Ereignis, das uns mehr angeht, als das meiste, an das heute auf Berliner Theatern Kraft verschwendet wird - aber eine Bühne aus Mannheim muss kommen, um den Berliner Direktoren das Beispiel zu geben .

Das Gastspiel wurde auch zum großen persönlichen Erfolg für Willy Birgel. "Politiker, Bürgermeister, zahlreiche Kollegen (darunter

Hans Albers und Adolf Wohl- Drück) kamen, in meine Garderobe und beglückwünschten mich, der ich noch Provinzler war. Ich fiel auf.   Bei dieser Gelegenheit sah ihn auch der Besetzungschef der UFA. "Die politischen Ereignisse" - das Gastspiel begann am 2. Februar 1933 - "verhinderten eine beabsichtigte Fühlungnahme; ein Jahr später kam er aber nach Mannheim zur Vorstellung von König Heinrich IV.', suchte mich während der Pause in der Garderobe auf und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, einmal zu

filmen. Es folgten Probeaufnahmen, und im Mai 1933 spielte ich in dem Film „Ein Mann will nach Deutschland“ den Lagerkommandanten, eine kleine Rolle-, es war der Beginn einer neuen Tätigkeit. .

Da dem ersten in kurzen Abständen weitere Filme folgten, war Birgel gezwungen, zwischen Mannheim und Berlin zu pendeln. Das Nationaltheater konnte nicht mehr unbegrenzt über ihn verfügen, und so trat allmählich eine Situation ein, die weder der Bühne noch dem Schauspieler behagte. Als der Film  "Das Mädchen Johanna" nicht rechtzeitig abgedreht wurde und Birgel beim Nationaltheater um acht Tage Nachurlaub nachsuchte, steuerten die Ereignisse auf eine Krise zu. Denn in Mannheim waren bereits Schillers "Räuber" mit Birgel als Franz Moor angesetzt worden. "Schließlich wollten Ufa und Nationaltheater mich vertragsbrüchig machen - eine Lösung musste gefunden werden. Es ging um Kopf und Kragen. Da schaltete sich  Gustaf Gründgens, der im Film mitspielte, kollegial ein und stellte für Mannheim Bernhard Minetti vom Staatsschauspiel Berlin für ein einmaliges Gastspiel zur Verfügung. Antwort aus Mannheim: Das interessiert die Leute nicht - sie haben bereits die Karten zurückgegeben, weil Birgel nicht spielt. Mit knapper Not konnte die Sache schließlich doch mit Minetti geregelt werden. Ich musste Reise, Aufenthalt und Honorar aus eigener Tasche bezahlen. Als Minetti zurückkehrte, erklärte er auf die Frage, wie's war, entschieden: Scheußlich! Ich gehe nie wieder nach Mannheim.' Solche und viele andere Schwierigkeiten machten auf die Dauer einig Vertragserneuerung mit Mannheim unmöglich. Ich schloss Vertrag mit der Ufa, die mich vom Mannheimer Nationaltheater mit einer Abfindungssumme auslöste, und siedelte 1936 nach Berlin über.

3. MIT DEM FILM KAM DER RUHM (1934-1945)

Als Willy Birgel sich entschlossen hatte, Filmschauspieler zu werden, da wurde er es ganz und fast ausschließlich im Gegensatz zu den meisten seiner namhaften Kollegen, die dem Theater dauernd verbunden blieben. Einstweilen kehrte er nur zu gelegentlichen Gastspielen auf die Bühne zurück und legte hierbei eine strenge Rollenökonomie an den Tag; überwiegend wählte er seine Favoritgestalten. Davon sei zunächst die Rede, bevor sie auf ihn als Filmdarsteller kommen wird.

Das erste Widerauftreten seit dem Abschied von Mannheim geschah in Mannheim selbst, das zweite im Januar 1938 am Schauspielhaus Düsseldorf, und zwar als Hamlet. Kurz vorher war Gustaf Gründgens dort in derselben Rolle zu sehen gewesen. Birgel hätte dem Vergleich mit dem sicher virtuoseren Kollegen aus dem Wege gehen können. Doch offenbar focht ihn dessen Ruf so wenig an, dass er darauf bestand, sich als Dänenprinz zu zeigen. In einer vergleichenden Rollenanalyse ist zu lesen, dass die Auffassung der beiden Darsteller in erkennbarem Gegensatz zueinander gestanden habe. So sei der Gründgenssche Hamlet "ein Triumph des komödiantischen Theaters, des Spiel- und Verwandlungstheaters", im Hamlet von Birgel dagegen müsse man ein "Selbstporträt (erkennen), dessen stärkste Vorzüge sein bekennerischer Ernst und seine männlich-strenge Unveränderlichkeit sind". Der Hinweis auf "Hamlets menschliche, geistige und seelische Einsamkeit", der bei Birgel" an zuviel Haltung" stirbt, leitet den Autor zu der Folgerung, diesen Tod könne sich natürlich "nur ein Hamlet-Darsteller leisten, der eine überragende Persönlichkeit einzusetzen hat. Deshalb kann der Hamlet von Birgel nicht etwa als Muster' genommen werden, während der Hamlet von Gründgens allen jungen Charakter spielen, die das Zeug dazu haben, als Vorbild dienen kann ..." Gründgens' Leistung wird "theatralisch-extensiv", die von Birgel dagegen "solistisch- intensiv" genannt; Gründgens Mitwirkung habe der ganzen Aufführung eine neue Spannung und eine früher vermisste Einheitlichkeit" vermittelt, wogegen Birgels Spiel "die Slilverschiedenheit der einzelnen Darsteller noch deutlicher hervortreten lässt". Dass Birgel, Jedenfalls am Ende", mehr Beifall erhielt als Gründgens, sei nicht auf die Beliebtheit des Filmschauspielers zurückzuführen. Gerade "in dieser durchaus unfilmischen Leistung, in ihrer geistigen Haltung und in ihrer stilistischen Anlage, gibt sich die Persönlichkeit des Darstellers zu erkennen: er, der im Film nur Rollen die ihm buchstäblich angemessen sind, zu spielen hat, spielt hier eine Rolle, die er sich Zug um Zug erkämpfen muss. Ersetzt sich durch, gegen manche Überlieferung und gegen die Erinnerung an das zauberische Spiel- und Spiegelstück von Gründgens. Ein Mann, ein Kopf, ein großer Schauspieler-..

Drei Jahre später, im Januar 1941, erneuerte Birgel den alten, fast dreißig Jahre vorher geschlossenen Bonner Bund mit Eugen Klöpfer, der nun die Berliner Volksbühne leitete. Hier spielte Birgel zum ersten Mal in seinem Leben, wie schon erwähnt, den Kandaules in Hebbels "Gyges und sein Ring" mit Werner Hinz (Gyges) und Lieselotte Schreiner (Rhodope) als Partnern unter der Regie von Karlheinz Martin, eine Rolle, die weder Kainz noch Gründgens verschmäht hatten. Kainz war bacchantischer Verlierer seiner Frau und seiner Ehe. Willy Birgel war ein kühler Spieler um Frau und Ehe, einer, der neugierig riskiert, sogar seinen eigenen Untergang. Kenters oben zitiertes Wort von Birgels gezügelten Emotionen wird von einem anderen Zeugen dieser Inszenierung bestätigt: "Es fehlt der Überschwang der Überredung, es fehlt die Dämonie, die an früheren Darstellern gerühmt wurden," dafür kommt umso klarer und umso selbstverständlicher der Gegensatz zu der Umwelt mit ihren Traditionen [heraus], und der Untergang dieses Kandaules erhält den Zwang der Notwendigkeit. Fast ohne jedes äußere Mittel steigert sich Birgel in je Größe des Schlusses. . .

1941 und 1942 waren die theaterintensivsten Kriegsjahre des Filmschauspielers. Er gastierte 1941 als König Philipp in Schillers "Don Carlos" an den Theatern von Bremen, Rostock und Breslau, 1942 erneut als Kandaules in Danzig und in der ungarischen Boulevardkomödie "Das letzte Abenteuer" von Alexander Marai in München. Der vom, Film diktierte Terminkalender gestattete nur bisweilen den Grenzübertritt ins andere Medium.

„Fest liegt der weiße Uniformrock um einen jungenhaft schmalen Körper. Aber unter dem Mützenrand schattet mit grauen Schläfen schon das Alter hervor... Der Säbel klirrt die Treppen herauf. Ein rascher Blick streift den Posten, der Haltung einnimmt.
Des Auge hat etwas Kaltes, und die raschen Bewegungen, mit denen seine Hand die silbernen Fangschnüre und das Ordensband zurechtschiebt, verraten eine drohende Energie. Aber wie er jetzt durch das geöffnete Portal geht, ist ein weiches Lächeln um den etwas herben Mund, in seinen Augen leuchtet eine Wärme; erträgt einen Strauß dunkel-schwarzer Rosen in den Händen. Leicht und schnell ist sein Schritt. Ein Herr und ein Kavalier geht zu der geliebten Frau...

Kenner des deutschen Films der dreißiger Jahre würden, auch ohne zu wissen, dass dieser Text etwas mit dem Film "Schwarze Rosen" von 1935 zu tun hat, kaum Fehlraten auf die Frage, welcher Darsteller denn da porträtiert sei: natürlich Willy Birgel, der Typus Birgel und auch schon die Schablone, nach der man diesen Typus bald zurechtmodeln wird. Und dieser Schablone hat sich der zitierte Text in seiner leicht komischen Feierlichkeit schon anverwandelt. Doch prophetisch schließt der Verfasser: - das wird so die Linie sein; die der Schauspieler Willy Birgel im Film zu halten hat.

Er hat sie gehalten, nachdem sie für ihn gefunden und er ihr angepasst worden war. Das heißt, dass sie zunächst, bei Birgels Übertritt vom Theater zum Film, noch nicht vorhanden und wahrscheinlich auch nicht geplant gewesen war. In der Frühzeit von Birgels Filmkarriere sind deshalb die Filme zu finden, in denen er jene Linie nicht verkörpert hat, etwa, Fürst Woronzeff": "Das war ein Kammerdiener ohnegleichen ...!   Er stand immer nur im Hintergrund, düster, schwarz, lackiert, diskret... War es die "Erfüllung von Wunschträumen des eigenen Ichs , die es ihn als erstrebenswert empfinden ließ, "dass ich endlich von der allzu starren Linie des Bösewichts' losgekommen bin, in der man mich bisher an der weißen Wand zu sehen gewohnt war ...   ?

Später mag er dies skeptisch-nachdenklicher gesehen haben. Einstweilen jedoch wuchs er zum Darsteller des Menschentypus heran, den er ideal verkörpern konnte, in dem das damalige Filmpublikum, vornehmlich sein weiblicher Teil, ihn nicht müde wurde zu sehen und den die Drehbuchverfasser schon vor Augen hatten, wenn ein neues Filmprojekt mit Birgel anstand. Dieser Typus hatte eine verantwortliche Position im öffentlichen Leben (Arzt, hoher Offizier, Dirigent, Erfinder) und trug ideal geschneiderte Uniformen, Gesellschafts- oder Sportkleidung; seine Manieren waren untadelig, und die Konflikte, die er austragen musste, zeugten von edlem Charakter. "Barcarole" (1934) hatte trotz der exotischen Herkunft und des zerrissenen Charakters des von Birgel Dargestellten eine erste, die Gewissheit streifende Ahnung vermittelt, was man aus dieser Gestalt, aus diesem Habitus und aus dieser darstellerischen Disziplin für Funken schlagen könnte, wenn es ins Deutsche und ins Positive übertragen werden würde.

Das war denn auch spätestens mit "Schlußakkord" (1936) gelungen: Birgel als Dirigent, den die Ovationen des Publikums im Film umbrausten, eine Ideal- und Traumfigur. Er soll zuvor Unterricht bei einem Mannheimer Kapellmeister genommen haben. Dies schützte ihn trotzdem nicht vor fachmännischer Kritik: "Die Musikaufnahmen ... fanden ... in der Berliner Philharmonie statt. Bei einer Aufnahme kam Furtwängler ... unbeobachtet in den großen Saal, setzte sich in die letzte Reihe und sah einen Moment zu, Ich dirigierte, das Orchester markierte nur - der große Musiker aber schüttelte mit einem Tiefempfundenen Entsetzlich!' den Kopf zu dieser Szene. "

Nun konnte, von gelegentlichen Seitenschritten abgesehen, die "Verwertung" dieses Typus beginnen. Birgel war bei "Schlußakkord" im Besitz eines Exklusiv- Vertrags mit der UFA, der ihm auch vorschrieb, bei weichem Schneider er nur arbeiten lassen und welche öffentlichen Lokale er nur besuchen durfte. Im heutigen Deutsch: Er wurde "aufgebaut". Es verschlug nichts, dass er im selben Jahr in "Verräter" auf der falschen Seite" stand und einen britischen Agenten darstellte, der deutsche Industrieunternehmen ausspioniert. Man nahm ihn sogar liebevoll in Schutz, meinte, er sei zu sehr Gentleman, um die Schändlichkeit der verkörperten Person adäquat wiedergeben zu können. Auch Filme von verletzender Banalität wie "Der Blaufuchs" 1938, mit Zarah Leander) - hier glitt Birgel ins Klischee des charmanten Draufgängers ab - taten dem jungen Ruhm keinen Abbruch. Das Publikum "ging sogar und dann erst recht mit, wenn das Filmgeschäft Birgel ins gefährlich Super-Elegante und ins Allzu-Forsche Vorzutreiben versuchte .

Ebenfalls ging mit ein Teil der Presse, dem Birgel als Künstler weniger interessant war denn als "Star" und als Privatperson. Der Klatsch heftete sich an seine Fersen; die ihn griffig charakterisierenden Begriffe wurden geschmiedet. Wenn nicht wahr, dann doch gut erfunden ist die Behauptung eines Birgel- Freundes, der Schauspieler habe ein Merkbüchlein geführt und jedes Mal einen Strich gemacht, wenn er sich gekennzeichnet sah als "der letzte Edelmann des deutschen Films", "ein Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle", "ein Herr, ein wahrer Herr" , "der Elegant mit dem gewissen Etwas", "der unwiderstehliche Charakterkopf" oder" ein Bild der echten Männhchkeit. Hierbei sind nicht einmal erwähnt die Birgel ein Leben lang verfolgenden Wörter "Gentleman" und "Grandseigneur". In den dreißig Jahren nach 1941 unterlagen Tausende von Artikelüberschriften dem Zwang, nach dem Schema"... x für y" formuliert zu werden. Alle sind Paraphrasen des Filmtitels –„.. reitet für Deutschland". Noch als Birgel auf die Achtzig zuging und eine Stütze des Zürcher Schauspielhauses war, wurden mitunter seine schauspielerischen Leistungen unter Zuhilfenahme der Wort- und Begriffsschablonen von einst rezensiert.

Da nun wieder der im Zusammenhang mit Birgel meistzitierte Filmtitel genannt ist, mag der Künstler zum Thema – „ ... reitet für Deutschland" einmal selbst zu Wort Kommen: „Als der Film fertig war, wollte das Promi ihn plötzlich noch einmal drehen, mit einem prominenten SS-Reiter in der Hauptrolle. Überhaupt empfand man den Stoff - er spielt 1928 - als zu liberalistisch. Aber der Lauf des Filmes, der bereits angekündigt war, konnte nicht mehr aufgehalten werden. Jede Reklame wurde verboten, trotzdem bewiesen überall Verlängerungen, welche Erfolge zu verzeichnen waren. Schließlich musste die Filmkontrolle Stellung nehmen und verlieh dem Film mit saurem Lächeln jenes `staatspolitisch wertvoll', das mir als Hauptdarsteller später Unannehmlichkeiten bereiten sollte. Bei der Premiere - ich war verhindert, zu erscheinen - hatte man auf meinen Vorschlag das brave Pferd Harro auf die Bühne geführt. 1945/46 wurde `... reitet für Deutschland' amerikanischen Offizieren in Geiselgasteig als Beispiel eines guten, deutschen, patriotischen Films vorgeführt. In meiner Spruchkammerverhandlung aber kam es zu einem kurzen Dialog, der damals durch die Presse ging. Vorsitzender: Sie sind schließlich für Deutschland geritten...' Darauf ich: Ja - für Amerika konnte ich nicht reiten.“

Willy Birgel und das "Dritte Reich" -Anfang und Klimax der Filmkarriere fielen zeitlich zusammen mit dem fatalen Jahrzwölft der deutschen Geschichte. Als Birgel zum Staatsschauspieler ernannt wurde, hielt er Goebbels 'Glückwunschtelegramm´ für einen ihm von Freunden gespielten dummen Streich."1945 verlangten die Amerikaner mit vorgehaltener Pistole die Urkunde dieser Ernennung, weil darauf Hitlers Unterschrift stand. Das Dokument war aber in meinem Berliner Haus vernichtet worden. Heute noch titulieren mich die Behörden in Starnberg mit `Herr Staatsschauspieler', der Titel steht auf Bankabrechnungen und sogar - auf dem Steuerbescheid.

 

Auf dem Nürnberger Reichsparteitag 1937, zu dem Birgel und andere Schauspieler eingeladen worden waren, kam es zur Begegnung Birgels mit Adolf Hitler. Minister Goebbels teilte dem Künstler mit, er werde ihn dem "Führer" vorstellen. "ich war leicht verblüfft, fragte vorsichtig, wie ich ihn denn begrüßen müsste, und bekam die Antwort: Mit ausgestrecktem Arm und "Heil mein Führer". Ich wurde herzlich begrüßt, durfte Hitler gegenüber Platz nehmen und seinen unentwegten Reden bis 4 Uhr früh zuhören. Von 1934 bis 1945 hat Willy Birgel in 34 Filmen mitgewirkt, von denen einer, "Leb wohl, Christine" (1944/45), nie in die Kinos gekommen, ein zweiter, "Mit meinen Augen" (1944), unter dem neuen Titel "Im Tempel der Venus" 1948 erstmals aufgeführt worden ist. Der Preis für die enorme Popularität des Künstlers war zu bezahlen gewesen mit der Eingrenzung seiner darstellerischen Möglichkeiten.

Eine große inhaltliche Analyse der 32 von 1934 bis 1945 aufgeführten Filme mit Willy Birgel stammt von Gerd Albrecht. In seinem Buch "Nationalsozialistische Filmpolitik stellt er für alle bekannten Filmschauspieler und -schauspielerinnen der damaligen Zeit die Mitwirkung in vier Filmkategorien (P, H, E, A) zusammen, wobei P "Filme mit manifester politischer Funktion ohne Rücksicht auf ihren sonstigen Inhalt und ihre Grundhaltung", H heitere, E ernste und A Aktionsbetonende Werke, jeweils "mit nur latenter politischer Funktion" sind. Hiernach hat Birgel in 12 P-, 2 H-, 15 E und 3 A-Filmen mitgewirkt.

Die 12 P-Filme mit Birgel sind, laut Albrecht, in chronologischer Folge "Ein Mann will nach  Deutschland", "Das Mädchen Johanna", "Schwarze Rosen", "Ritt in die Freiheit", "Verräter", "Menschen ohne Vaterland", "Unternehmen Michael", "Maria Ilona", "Kameraden", "... reitet für Deutschland", "Diesel" und "Geheimakte W.B. 1 ". Listen wir sie thematisch weiter auf, so finden wir 1. Filme über einen Modelldeutschen im Mittelpunkt der Handlung, sei er eine historische oder erfundene Gestalt; 2. den historischen Film, der außerhalb Deutschlands spielt und in dem die Angehörigen der aktuell-politisch gerade missliebigen Völker (Briten, Russen) negativ gezeichnet, ihre Gegner jedoch als Muster an Ehre, Treue und Pflichterfüllung dargestellt sind (Polen, Finnen); 3. den historischen deutschen Film , dessen Thema zu aktuellen Erscheinungen (Wiederaufrüstung) in Parallele gesetzt werden konnte oder zeitlos abgehandelt, die Bindung des einzelnen an sein Volk und an seine Nation p ostuliert, und 4. den aktuellen politischen Film mit volkspädagogischer Funktion wi e in „Verräter" (Werkspionage).

Der Begriff „P-Film" im Sinne Albrechts ist also einiger Differenzierung fähig. Dass je­doch ein und derselbe Film je nach Situation als politisch oder als unpolitisch angeseh en werden kann, ist von Arthur Maria Rabenalt, dem Regisseur von "... reitet für Deutschland", mit Bezug auf diesen Film behauptet worden: „Es ist oft die unge woll te, unbeabsichtigte Resonanz eines Filmes, die ihn politisch werden lässt. Der einzig von einfachen patriotischen Empfindungen getragene Sportfilm um einen Turnierreiter, der ohne politische Absicht hergestellt worden war, wurde erst durch seinen Erfolg sowohl im neutralen und im besetzten Ausland wie im Inland zu einem Publ ikum. Die Folge war, dass der Film „... reitet für Deutschland' nachträglich das Prädikat „staatspolitisch wertvoll' erhielt, nach dem Zusammenbruch zu den be­rüch tigtsten „Nazifilmen“ der schwarzen Liste gezählt wurde und dem Regisseur und seinen Hauptdarstellern zu einem fast zweijährigen Berufsverbot - diesmal von den -Amerikanern - verhalf (während das mitspielende Pferd Harro von den Russen de­portiert wurde). Als die emotionelle Staudruckwelle verebbt war, wurde der Film völli g harmlos und unpolitisch befunden, als einer der ersten von der alliierten Verbotsliste gestrichen und mit Erfolg zum dritten Male wiederaufgeführt.)

Während Birgels Berliner Zeit wurde seine Ehe geschieden. Birgel ging 1940 eine zweite Ehe mit der Schauspielerin Charlotte Michael ein. Dieser Verbindung, die 1968 aufgelöst wurde, entstammt eine Tochter Christiane, geboren 1942.


4. DIE AUSWERTUNG DES RUHMS (1947 - 1959)

Als das praktisch schon geschlagene Deutschland den „totalen Krieg" ausrief und damit eine letzte, vergebliche Anstrengung unternahm, seinem Schicksal auszuweichen, befand Birgel sich im bayrischen Walchstadt, seinem „Zufluchts- und mittlerweile H eimatort. Bis dahin waren namhafte Schauspieler im allgemeinen sicher davor zum Wehrdienst eingezogen zu werden. Nach dem 1. September 1944 wurden die Soldaten oder zur Rüstungsindustrie dienstverpflichtet. Birgel fand einen Ausweg und ließ sich in Walchstadt als Gemeindesekretär beschäftigen. Seine Aufgabe war, Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle zu registrieren.

Trotzdem ergingen auf dem Wege der Verpflichtung zur Truppenbetreuung noch Aufforderungen an ihn, sich künstlerisch zu betätigen, und nicht in jedem Falle ge­lang es ihm, sich durch vorgeschützte Krankheiten davon zu befreien.

                        
So musste er sich n och im April 1945 auf den Weg nach Kitzbühel machen und wählte als Beförderungsmittel in weiser Voraussicht das Fahrrad. In dem österreichischen Kurort residierten damals Exilregierungen aus Balkanländern; an Kollegen fand Bir gel vor die Filmregisseurin Leni Riefenstahl, die Sängerin Maria Cebotari, die Schau­ spieler Gustav Diessl und Albin Skoda. Er rezitierte Goethe („Vom Eise befreit") und von Schiller „Das verschleierte Bild zu Sais". Das war sein letzter „Einsatz" vor Ende des Krieges.

Fast zwei Jahre dauerte nun die von „... reitet für Deutschland" verursachte Zwangs­ pause in Birgels künstlerischer Laufbahn. Währenddessen wurden im besiegten und von den Alliierten besetzten Deutschland die kulturellen Aktivitäten wieder auf­ genommen, mit bisweilen hektischer Geschäftigkeit, zu Preisen, die dem Diktat des Schwarzmarkts nicht unterworfen waren, und ohne die kulturpolitische Bevormun­ dung der vorhergehenden zwölf Jahre. In regelmäßigen Abständen erschienen Ge­sandte der Besatzungstruppen, französische wie amerikanische, um Birgels Haus zu durchsuchen; der Titel „Staatsschauspieler" und der Reiterfilm lockten sogar Beauftragte des US-Geheimdienstes CIC nach Walchstadt. Wegen der in Berlin ver­loren gegangenen Urkunde der Ernennung Birgels zum Staatsschauspieler wurde bei einer Durchsuchung durch Amerikaner „das Haus auf den Kopf gestellt. Es war, als ob ein Erdbeben ausgebrochen wäre.

1947 begann in Birgels künstlerischem Wirken der bis 1959 reichende Zeitabschnitt, dem man bei einem Blick auf sein ganzes Leben Interims-Charakter zuschreiben muss. Zunächst galt es, überhaupt Anschluss zu finden, um als Schauspieler weiterar­ beiten zu können, abgesehen davon, dass es galt, Geld zu verdienen. In jenem Jahr 1947 gelangen neue Kontakte sowohl mit dem Theater als auch mit dem Film. Zunächst, etwa bis 1950, dominierte die Bühne, von 1952 bis 1958 die Kamera; die Beziehungen zum Fernsehen blieben immer reduziert.

Das Münchner Theaterpublikum sah Birgels Nachkriegsdebüt im März 1947 an den Kammerspielen und in der Schauburg. Er spielte unter der Regie von Hans Schwei­ kart, seinem „Ich brauche Dich" -Filmregisseur von 1944, die Hauptrolle in „Der Staatsmann und die Kühe" von Geoffrey Kerr, und es mag am Stück gelegen haben, dass sich die Wiedersehensfreude in Grenzen hielt. In der Wahl der weiteren Rollen offenbart sich dann planendes Kalkül. Birgel poliert alte Erfolge auf, aktiviert frühere Beziehungen zu Städten und Theaterleitern. Zunächst aber reiht er sich ein in die große Parade der großen Charakterdarsteller, die die Traumrolle der späten vierzi­ ger Jahre, den General Harras in „Des Teufels General" von Carl Zuckmayer, verkör­ pern dürfen. In ihr gastiert er am Nationaltheater Mannheim, elf Jahre nach seinem letzten dortigen Auftreten, als Gast ab dem 6. Februar 1948 in 34 Vorstellungen. Hier schlägt ihm herzliche Sympathie entgegen; hier erleidet er aber auch die wohl ver­nichtendste Rezension seines Lebens, verfasst von Emil Belzner, der ihn noch aus einstigen Mannheimer Tagen kannte, gipfelnd in dem Satz: „Birgel war anschei­ nend einmal ein großer Schauspieler.

Birgel versuchte sich noch einmal ohne besondere Resonanz in einer neuen Rolle, als Gay Easterbrook in S. N. Behrmans „Schlechte Zeiten für Komödien", bekannt auch unter dem Titel „Der Elfenbeinturm", 1948 an den Münchner Kammerspielen. Dann allerdings mied er das Ungewohnte. Er wiederholte den Harras in Karlsruhe Glocken hell erklingen". Dann jedoch war die Zeit reif für einen unerwarteten Wandel.


5.   HEIMGEFUNDEN ZUM THEATER (1959 – 1973)

1959 geschah Erstaunliches: Willy Birgel trat regelmäßig am Zürcher Schauspiel­haus auf. Er hatte sich, erstmals nach seinem Mannheimer Engagementsschluss (1936), wieder einem ortsfesten Ensemble angeschlossen und sich kontraktisch ausbedungen, sich einen Teil der Spielzeit Theatertourneen und -gastspielen, Film- und Fernsehverpflichtungen widmen zu können. Auch wechselte er im Zusammen­ hang damit 1966 seinen Wohnsitz, den er für den Rest seines Lebens im schweizeri­schen Dübendorf, aufschlug. Die Zürcher Bühne zählte zu den renommiertesten deutschsprachigen Theatern; sie hatte nach 1933 zahlreiche deutsche Emigranten aufgenommen und sich nach 1945 als Uraufführungsstätte für die Bühnenwerke von Frisch und Dürrenmatt profiliert. Im Gegensatz zu seiner späten Mannheimer Zeit war Birgel in Zürich nie ein Ensemble „star"; das verhinderte der darstellerische Qualitätsstandard, den Namen wie Maria Becker, Therese Giehse, Heidemarie Hatheyer, Gretler, Henniger, Knuth, Lohner, Reichmann, Richter, Schröder, Stecke!, Wiemann u. a. festlegten.

Oskar Wälterlin war der Theaterleiter, dem das Verdienst gebührt, Birgel mit neuen Zukunftsperspektiven auf den letzten Teil seines künstlerischen Lebensweges ge­schickt zu haben. Er führt „durch, was Birgel seit 14 Jahren für seine künstlerische Erneuerung gesucht hat, und was in diesen 14 Jahren durchzuführen keinem Thea­terleiter der Bundesrepublik Deutschland eingefallen war: er macht Birgel kurzer­ hand zu einem einfachen Mitglied seines allerdings künstlerisch wie menschlich ge­nau abgestimmten Ensmbles..." Birgel wird bis zu seinem Tode in Zürich bleiben dürfen, er darf endlich sein UFA-Herrenbild ablegen und dorthin zurückkehren, wo er ein Vierteljahrhundert vorher stand: auf den breiten und weiten Grund der drama­ tischen Weltliteratur. Er darf sich wieder in den Ausdruckskategorien von Humor und Ironie tummeln, und das hat ihm, das hat dem Theater überhaupt gut getan.

Bevor wir hierauf näher eingehen, seien die nun nebenher laufenden Aktivitäten Bir­gels dargestellt. Mit seinen Filmrollen ging es langsam zu Ende; sie sind an den Fin­ gern einer Hand abzuzählen. Als der Kritiker Friedrich Luft „Frau Cheneys Ende" (1961) gesehen hatte, hielt er fest: „... dass man hier zum ersten Male Willi [sic] Birgel so komisch stelzig sein lässt, wie er eben ist, bedeutet schon eine kleine filmhistorische Pointe. Luft wäre weniger erstaunt gewesen, hätte er gewusst, dass Birgel dieselbe Rolle des Lord Elton in dem gleichnamigen Theaterstück von Frederick Lonsdale schon 34 Jahre vorher in Mannheim verkörperte. Auf das Bimmeln der Glocken folgt der junge deutsche Film, dem Birgel sich in „Schonzeit für Füchse" (1965; Regie Peter Schamoni) zur Verfügung stellt. Hier wird seine Fähigkeit gerühmt, seinen UFA-Typus mit bselbstironischen Lichtern zu versehen. Seinem Entschluss, nun nicht mehr zu filmen, wird er noch einmal untreu, 1968, in „Sommer sprossen " , einer Schweizer „Bonnie and Clyde"- Variante, mit der Darstellung einer kl einen Rolle, zu der ihn der in „Schonzeit für Füchse" als Schauspieler mitwirkende Regisseur Helmut Förnbacher überredet haben mag. In den sechziger Jahren stellt­ en sich schließlich die Birgels Filmschaffen ehrenden Auszeichnungen ein: 1960 erhält er den „Bambi", 1964 das Filmband in Gold, 1966 den Bundesfilmpreis.

Das Fernsehen, das Birgel bis 1960 fast gänzlich ignoriert hatte, verhalf ihm in den sechziger Jahren zu häufigerer Präsenz auf dem Bildschirm in Fernsehspielen, Fern­ sehfassungen von Theaterstücken, Aufzeichnungen von Theaterinszenierungen - es sind, eingeschlossen ein Birgel-Fernsehporträt von Georg Marischka (1964), im ganzen zwölf Titel.

Begünstigt durch die sich reduzierenden Filmverpflichtungen, ging mit der Zürcher Theatheaterarbeit aufs neue eine ausgedehnte Gastier- und Tourneeaktivität einher. Um di es quantitativ-statistisch zu veranschaulichen - in seinen letzten 14 Lebensjahren von 1959 bis 1973 hat Birgel in 52 Theaterinszenierungen mitgewirkt (1973 übrigens nu r in einer einzigen). Hiervon entfielen 30 auf Zürich, 18 auf Einzelgastspiele und vi er auf Tourneen. Die Einzelgastspiele führten den Künstler nach Augsburg, Baden­aden, Bern (Stadttheater, Atelier-Theater), Hamburg (Thalia-Theater), Köln (Theater am Dom), Mannheim, München (Deutsches Theater, Residenztheater), Nürnberg, Marburg, Schwetzingen (Festspiele) und Stuttgart (Komödie im Marquardt).

Wieder waltet Ökonomie bei der Verwertung der Rollen. In Zürich erarbeitet sich Birgel; Schillers Wallenstein; er spielt ihn erneut in Augsburg und Baden-Baden (jeweils 196 4). Ebenso verfährt er mit dem Kaiser Rudolf II. in Grillparzers „Ein Bruderzwist in H absburg", den er nach Zürich 1962 in Nürnberg und 1967 in Augsburg verkörpert.
Von seinen einstigen Mannheimer Rollen holt er wieder hervor den Warwick in „Die heilige
Johanna" von Shaw (München, Deutsches Theater; 1961) und den König M agnus in Shaws „Kaiser von Amerika" (Atelier-Theater Bern, 1961; Stuttgart, 19 62). Noch einmal feiert der Professor Allmann in Schweikarts „Ich brauche Dich" in Birgels Gestalt Auferstehung (Marburg, 1963). Der Rest liegt zwischen Boulevard (General in Ustinovs „Halb auf dem Baum"; Stuttgart, 1968) und dem Großinquisitor in Schillers „Don Carlos" (Stadttheater Bern, 1971). Zu verschmerzen war dabei ein runder Fehlschlag, als Birgel 1965 am Residenztheater München erstmals den Prospe ro in Shakespeares „Sturm" spielte. „... ein Weltfürst, ein Magier war er keinen Auge nblick, eher „ein gutmütiger Regimentskommandeur, der verschmitzte Spässe mit den nachgeordneten Dienstgraden treibt, im ganzen der Aufführung „kein Zentrum".

Die Theatertourneen mit Birgel verhalfen dem Publikum bisweilen zu aparten Be­geg nungen. So regte der Künstler erfolgreich an, ein vergessenes Drama aus dem Jahre 1917, „Die Menschenfreunde" von Richard Dehmel wieder zu beleben (1970; Insz enierung Jochen A. Blume). 1962 schlossen sich Birgel (Komtur), Eva Servaes, Ewald Balser und Josef Meinrad zur ambulanten Darbietung von Shaws Stück (“Donn Juan in der Hölle") im Stück („Mensch und Übermensch") zusammen – Kammermusik mit Worten, in Abendkleidung dargeboten.

Zurück nun zu Birgels 15 Zürich-Jahren: 30 Inszenierungen, 34 Rollen (zwei in Dür­ renmatts „Wiedertäufern", in Goethes „Urfaust" gar vier), unter den 30 Stücken 11 klassische aus vier Ländern und 5 in Uraufführung (Dürrenmatts „Meteor", „Wieder­ täufer" und „Mitmacher", Frischs „Andorra", Brechts „Turandot oder Der Kongress der Weißwäscher"), viel „Klassiker der Moderne" und Zeitgenossen (Albee, Anouilh, Bond, Genet, Hay, Kaiser, Molnar, O'Casey, Saroyan, Storey und Wesker) und das 19. Jahrhundert mit Büchner, Ibsen und Feydeau. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind es für Birgels Repertoire neue Rollen; nur Schillers Burleigh in „Maria Stuart" und die Titelrolle in Shakespeares „Heinrich IV." hat er schon in Mannheim gespielt. Die Regisseure, mit denen er zusamenarbeitet, haben Namen von Gewicht: Besson, Buckwitz, Düggelin, Dürrenmatt, Giesing, Gobert, Hampe, Haugk, Heising, Henniger, Heyme, Hirschfeld, Jaray, Klingenberg, Lindtberg, Regnier, Willi Schmidt, Stein, Wälterlin, Wajda, Westphal. Nur aus einem biologischen Grunde sind die Rol­len Birgels in ihrer Gesamtheit nicht so gegensätzlich wie in den frühen Engage­ments: Ein Siebzigjähriger kann keine Fünfundzwanzigjährigen, ein Zwanzigjähriger wohl aber Sechzigjährige spielen. 1959 ist Birgel 68 Jahre alt; ein Normalbürger wäre schon mindestens drei Jahre im Ruhestand.

Wenn jetzt noch auf den „Gentleman" oder den „Grandseigneur" mit UFA-Vergan­genheit abgehoben wird, dann meist im positiven Sinne. „Birgel, dieser sehr deutsche Schauspieler, trifft seltsamerweise den Stil des sehr französischen Stücks bei­nahe am besten," heißt es in einer Rezension des Feydeau- Lustspiels „Die Dame vom Maxim" mit Birgel als General Petypon du Grälä. Den Verleger Koppe in Dürrenmatts „Meteor" spielt er „... herrlich in doofer Hererenhaftigkeit", wie Friedrich Luft ihm attestiert. „Die zynische Weltläufigkeit, die Birgel" als Kardinal in „Die Wiedertäufer" von Dürrenmatt „hat, ist umwerfend; die erspielt man sich nicht, die muss man sich erwerben, durch fünfzig Filme bei der UFA, durch lebenslange Beob­achtung, durch andauernde Erfahrung. Als Birgel sich 1967 in Augsburg als Rudolf II. in Grillparzers „Ein Bruderzwist in Habsburg" präsentierte, acht Jahre nach der Zürcher Premiere des Werks, blieb nichts „übrig vom Film-Image des Grand­ seigneurs, des Offiziers, des Gentlemans. Auf der Bühne ... stand ein scheuer, intro­vertierter Mann, kein Kaiser zwar, aber ein Mensch, der sich noch mit der belang­ losesten Textstelle charakterisierte.

Ein beträchtlicher Teil der Zürcher Rollen öffneten Birgel wieder das Tor zum komischen Spiel, so der General Don Lope in Calderons „Richter von Zalamea". Hier hatte er „viel Komik, aber es war eine Komik, die nirgendwie Menschliches zu­deckte, die nirgendwo die Würde des Dargestellten tangierte, sondern die lediglich die Figur vor Sentimentalität bewahrte. Und als König Peter vom Reiche Popo in Büchners „Leonce und Lena" ist er komisch, „aber immer auch ein wenig rührend ... er ist feierlich leer und spürt es, er holt seine Figur zurück von möglicher Possenhaf tigkeit in eine gefährlich verschwiegene Komik der Hilflosigkeit. Das ist meisterhaft im vollen Sinn des Wortes.

Nicht alles gelingt so vorzüglich. Sein Heinrich IV. in Shakespeares gleichnamigem Königsdrama ermangelt der perfekten sprachlichen Durchformung, und bisweilen verdeckt der etwas zu wohlwollende Ton der Kritiken, was nicht ganz rund geriet.

Oder war das die feine Nachsicht, die man einem Schauspieler schuldig zu sein gla ubte, der, wenn er denn die höchsten Höhen seiner Kunst erklommen hatte, imst ande war, gestandene Rezensenten vor Begeisterung stammeln zu machen? Die Krit ik hat dem Zürcher Birgel einige Denkmäler aus Worten gesetzt. Betrachten wir sie gleichsam im Vorbeigehen.

Wagner in Goethes „Urfaust": „... da ist er ein gelehrter alter Herr mit unübertreffli­ch em Anstand, ein Mann der Wissenschaft, der Fausts gefährliche Unkonventionalität bewundert, aber nicht teilt - das Gespräch zwischen den beiden ist ein Höhepunkt d ieser Aufführung."

Matthison in „Die Wiedertäufer" von Dürrenmatt: „... es ist nicht zu vergessen, wie er … das Schwert aufnimmt und vor das schwere Tor in den schweren Tod geht, ohne Au ssichten, aber auch ohne Angst, ein Muster des verführten Verführers …“

Jack in „Der Mitmacher" von Dürrenmatt, Birgels letzte Rolle: „Ich habe Birgel in Zürich b loß eine Rolle spielen sehen, die aber werde ich nicht so bald vergessen. Denn in Dürrenmatts unglücklichen ,Mitmachern' trat er auf. Eine absterbende alte Gesellsch aft scharf umreißend. Fast bloß auf unheimliche Art beweglich erhaltene Mumie. Beim Erscheinen Birgels versank die Unzulänglichkeit eines Stücks und die An­f echtbarkeit einer Inszenierung, für Minuten nur, aber intensiv ereignete sich Außer­gewöhnliches von beglückender Selbstverständlichkeit."

Jack in
„Home" von David Storey: „... Birgel demonstrierte, wie man Senilität
auch darstellen kann: nicht mit Gesten der Schwäche, des Verfalls, sondern mit raufrechter, wie festgefrorener Würde. ,Erfahrung ist ein strenger Lehrmeister' - ,Ein sportliches Leben hat viele Reize': solche Fossilsätze wurden bei Birgel zu den herrlichsten Momenten der Aufführung, weil er sie nicht als gedankenlose Phrasen sprach, sondern so aristokratisch, mit soviel feierlich-blöder Würde, als seien sie die Summe jahrzehnten langen Nachdenkens."

Diese Inszenierung von „Home" war ein Geburtstagsgeschenk des Zürcher Schauspielh auses an den siebzigjährigen Gustav Knuth, der die andere männliche Hauptrolle v erkörperte, und an den achtzigjährigen Willy Birgel. Es ist ein Stück ohne Handlung mit Dialogen unter Patienten einer psychiatrischen Klinik. Und daraus aus einem Werk, das dem zermalmenden Zahn der Zeit vermutlich nicht entkommen wird, machten Knuth und Birgel eine der „Sternstunden großer Schauspielhauses“. Und „beinahe unglaubhaft" erschien, „dass der große Komiker Knuth, der perfekte Edelmann Birgel hier im scheinbar Banalen, im völlig Akzentlosen, im restlos Unkomödiantischen, restlos Unvirtuosen jeder auf seine unnachahmliche Weise triumphieren ..."

Auf der anderen Seite waren die sechziger und die siebziger Jahre für Willy Birgel Jahre d es Missgeschicks und der körperlichen Beeinträchtigung. 1962 gefährdete in Ansbach eine Fischvergiftung den reibungslosen Ablauf eines Abends auf der Tournee mit Shaws „Don Juan in der Hölle". 1964 blieb er in einem italienischen Badeort beim Aussteigen aus einem Aufzug mit der Sandale hängen, stürzte und zog sich ei­nen Obershenkelbruch zu. Und am 22. August 1972 musste bei den Luzerner Fest­wochen eine Vorstellung von Pavel Kohouts „So eine Liebe" abgebrochen werden, weil Birgel in der Rolle des Herrn im Talar von unerträglichen Ischiasschmerzen ge­ plagt war. In Luzern wie später am Nationaltheater Mannheim, wohin die Inszenie rung übernommen wurde, sprang Regisseur Michael Hampe gelegentlich für Birgel ein.

Den schon erwähnten Auszeichnungen des Künstlers für sein Filmschaffen folgten solche, mit denen seine Leistungen im Bereich des Theaters gewürdigt wurden: 1971 die Goldene Nadel des Schauspielhauses Zürich, 1972 der Grillparzer-Ring, überreicht auf der Bühne des Wiener Burgtheaters von Unterrichtsminister Fred heim. .

Sinowatz, und im selben Jahr die Ehrenmitgliedschaft des Nationaltheaters Mannheim.

Willy Birgel starb am 29. Dezember 1973 an Herzversagen. Der Leichnam wurde in die Heimatstadt Köln überführt und am 9. Januar 1974 auf dem Melatenfriedhof der Erde übergeben. Am Grabe sprachen Michael Hampe, die Schauspieler Kurt Müller-Graf und Walter Vits-Mühlen. Das Schauspielhaus Zürich ehrte den Toten mit einer Gedenkfeier, bei der Gert Westphal, ein Freund Birgels, dessen Lebenslei­stung rühmte und Intendant Harry Buckwitz das Ableben des Schauspielers als das „Erlöschen eines Orientierungspunktes" bezeichnete. Ein poetischer Nekrolog, verfasst von Friedrich diese Dürrenmatt, wurde : von Wolfgang Stendar verlesen. Ein Auszug   daraus möge diese Vieta beschliessen:

Viele gingen schon,
Die mir unersetzbar waren,
Viele der Schauspieler... Nun Willy Birgel... Zuletzt spielte er im Mitmacher. Das Publikum pfiff, als wir zusammen
Auf der Bühne standen.
Hinter dem Vorhang lachte er, Tränen in den Augen, Als ahnte er, Daß er seine letzte Rolle gespielt hatte.

Ein abtretender Schauspieler, Der einen
durchgefallenen
Autor umarmt: Bild des Theaters.

Nie ehrte mich eine Freundschaft mehr,

Viele gingen schon, Die mir unersetzbar waren. Nun auch er. Niemand sage, Keiner der Schauspieler sei unersetzlich. Jeder ist anders.

Mit jedem, der geht, Geht eine unserer Möglichkeiten dahin...

Wir sahen uns zuletzt in einer Niederlage, Nicht die Siege zählen.

 

 


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reply_message.gif RE: Willy Birgel (1891 - 1973) - stabschef - 16. August 2006 14:52
reply_message.gif RE: Willy Birgel (1891 - 1973) - wertvoll - 12. Februar 2007 20:55
     reply_message.gif RE: RE: Willy Birgel (1891 - 1973) - Stabschef - 13. Februar 2007 04:33
reply_message.gif Willy Birgel (1891 - 1973) - Karl Kuhn - 31. Januar 2008 23:10

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